Im Fraueneishockey tut sich etwas - endlich
Als ich 16 Jahre alt war, begann meine Eishockey-Karriere beim Damenhockeyclub Lyss. Wir trainierten jeweils einmal wöchentlich. Das Training war für mich das absolute Highlight der Woche. Voller Faszination bewunderte ich meine erwachsenen Mitspielerinnen, ihre Skills und ihren Umgang miteinander und genoss die ausgelassene Stimmung im Team. Über das Rundherum machte ich mir damals keinen Kopf.
Einige Zeit später wurde ich angefragt für die Brandis Ladies eine Liga höher zu spielen. Diese waren um einiges professioneller aufgestellt. So trainierten sie zwei Mal pro Woche und hatten zudem zwei Krafttrainings. Als 1. Mannschaft hatten sie eine eigene Garderobe mit Kraftraum. Sportlich machte ich grosse Sprünge. Ausserdem wurde mir klar, dass ich den Verein auch neben dem Eis mittragen wollte. So leisteten wir Spielerinnen an verschiedenen Festen Nachtarbeit, um die Eiskosten zu decken.
Im Jahr 2019 erhielt ich das Aufgebot für die Universiade, die Olympischen Spiele der Universitäten in Russland. Dort fand ich mich erstmals in einem Team wieder, das dem Männerteam der gleichen Stufe gleichgestellt war. Ich genoss das Leben als Profi in vollen Zügen. Unsere Wäsche wurde täglich abgeholt und am nächsten Morgen sauber zurückgebracht. Wir hatten eine Managerin, die nach den Spielen 20 Pizzen in der Garderobe bereitstellte und rund um die Uhr für unser Wohl sorgte. Wir hatten einen Teamarzt und uns wurden Jerseys, Handschuhe, Helme und alles, was das Hockeyherz begehrt, zur Verfügung gestellt. Ich hatte das Gefühl, uns gehört die Welt. Wir reisten trotz etlichen Pleiten mit einem olympischen Diplom nachhause.
Was für mich in erster Linie ein unvergessliches Erlebnis darstellte, sorgte auch für einen Sinneswandel. So fragte ich mich, wieso wir nicht auch zuhause gleiche Voraussetzungen haben wie die Männerteams. Schliesslich spielte ich unterdessen in der zweithöchsten Liga. Sieht man sich die Verhältnisse in der «Nati – B» der Männer an, fallen Unterschiede auf. Statt, wie sie, entlöhnt zu werden, bezahlen Frauen einen Jahresbeitrag, der für manche meiner Mitspielerinnen schwer zu tragen ist. Statt jede Saison Stöcke zu erhalten, kommen wir für Material selbst auf. In der Women’s League, der höchsten Liga, üben die Spielerinnen einen Beruf aus und das, obwohl sie unter der Woche Spiele bestreiten, z.B. wochentags in Davos. Man stelle sich den Gang zur Arbeit am nächsten Morgen vor.
Als erfahrene Spielerin betrachte ich die Hockeywelt nun also aus einer anderen Perspektive. Was mich dabei sehr freut: in Lyss tut sich was. Schaue ich zurück auf die Entwicklung des DHC Lyss, verspüre ich Dankbarkeit. So trainieren wir nun 2x pro Woche. Dies dank dem Engagement der aufstrebenden Politikerin, Oriana Pardini. Gestern Abend standen dank ihrem Einsatz für die Gleichstellung 35 Frauen und Mädchen auf dem Eis. Eine der Coaches der «Girlsacademy», des Lysser Nachwuchses, verriet mir, dass ich das heimliche Idol der Mädchen bin. Nun gehöre ich also zu den Spielerinnen, die von den Kleinen bestaunt werden und ich darf mir überlegen, welche Perspektiven ich für sie schaffen kann. Ich glaube, wir sind noch nicht dort, wo wir sein sollten, doch wenn ich zu den Mädchen rüber schaue, freue ich mich für sie. Ich bin überzeugt, dass sie nicht nur eine Anekdote der Lysser Geschichte sind, sondern zu Hauptpersonen werden können. Bis dahin werde ich mich für die strahlenden Gesichter und talentierten Sportlerinnen einsetzen, die sich mit uns das Eis teilen.
Bieler Tagblatt – ajour.ch vom 7. März 2026